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Erlebnisbericht Europride Warszawa 2010

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Wenn Vorurteile und Wahrheit auseinanderklaffen – Der grosse Bericht aus Warszawa

Bericht von Michael Läubli und Ronny Bien

Beim Durchstöbern des Reiseführers wurde schnell klar, dass Warszawa nicht nur während der EuroPride kein einfaches Pflaster wird, denn es macht sich bemerkbar, dass an jeder Ecke ein potentieller Dieb auf dein Gepäckstück, deine Handtasche und deren Inhalt warten könnte. Das Klischee des klauenden Polen war sofort präsent und somit wurden Vorkehrungen bereits zu Hause getroffen. Ich suchte mir ein Umhängeportemonnaie für den Hals, Zahlenschloss hier, Zahlenschoss da. Bei weiteren Vorstellungen an das meist unbekannte Land und deren Zweimillionen-Metropole Warszawa im Osten des Landes kamen mir Bilder in den Sinn, die an ein verarmtes, verlottertes, gar dreckiges Ex-kommunistische Land erinnern. Fern ab von jeglichen westlichen Einflüssen mit viel Armut und kaum Reichtum. Der Reiseführer – von einer nach Deutschland ausgewanderten Polin – verliess im weiteren Verlauf immer wieder unangenehme Neuigkeiten verlauten. Es wurde vor mehreren Stadtteilen gewarnt, die für einen Tourist gefährlich sein könnten. Zu hoch sei da die Kriminalität. Mein weiterer Beschluss: hohe Kriminalität = hohe Arbeitslosigkeit = tiefer Bildungsstandard. Sofort steigen mir neue Bilder empor – von Plattenbauten noch und nöcher, regelrechte Ghettosierung der Vororte und alles so grau, wie es für den Kommunismus typisch zu scheinen mag. Und wenn man sich nun den Durchschnittspole/in vorstellt, denkt man da an slawische Gesichtszüge. Auch das Ausleben der sexuellen Orientierung war für mich völlig unvorstellbar, wie auch, wenn dieses Land jahrelang den Papst stellte und nicht gerade den weltoffenen Ruf, auch dank den Kaczynski-Brüdern, hatte. Jede und Jeder wird bei den nun gelesenen Sätzen sich selbst ertappen, dass der eine oder andere Satz vorhin sich mit dem eigenen Vorurteil deckt. Doch dass Polen seit 20 Jahren im Wandel ist und sich als Vorzeigeland der ehemaligen Ostblöcke behaupten will, geht gerne vergessen. Auch wir mussten erfahren, dass die Realität von Warszawa ganz anders aussieht, weit weg von jeglichen Vorurteilen. Die Tatsache ist positiv überraschend!

Eine Stadt entdeckt den Westen

Beim Einsteigen des Bus-Nr. 175 vom Flughafen Okecie (Port Lotniczy im. Fryderyka Chopina) ins Stadtzentrum war die Anspannung auf Taschendiebe gross. Die Handtasche umklammert in den Armen - der Koffer im Blickfeld. Immer und immer wieder mahnten wir uns gegenseitig, auf unsere Sachen besser aufzupassen. Doch wir mussten unser Denken rasch ändern. Den klauenden Polen, den es in unserer Vorstellung gibt, fanden wir im Warszawaer Zentrum nicht. Man muss sich auch die Frage stellen, was denn uns abhanden kommen soll, bzw. deren Nutzen ist. Ein Pole klaut nicht mein iPhone, wenn nahezu jeder Zweite bereits eins besitzt. Denn es scheint im Allgemeinen, dass Geld mehr im Überfluss vorhanden, ist als in der Bankenstadt Zürich. Wo wir nun bereits das nächste Vorurteil aus unseren Köpfen streichen müssen, denn soviel Porsches innert fünf Tagen habe ich noch nie gesehen. Ladenketten für die günstigere Preisklasse wie H&M oder C&A schmücken ganze Strassenabschnitte, aber auch Armani, Prada und wie sie noch alle heissen, sind ordentlich im Stadtteil Sródmiescie (Zentrum) vertreten. Auch die Nowy Swiat, die eine Mischung aus Zürcher Bahnhofstrasse und Niederdorf ist, scheint das beliebteste Pflaster der Hauptstadt zu sein. Teure Geschäfte gemischt mit Restaurants und Baren laden zur jeder Tageszeit zum Flanieren ein. Die jungen Erwachsenen lassen hier ihr Geld liegen und für uns Schweizer ist es immer noch günstig, denn man kann den Betrag einfach nur von Zloty in Franken ändern. Zum Beispiel kostet eine Cola an der teuren Nowy Swiat sechs Zloty – in der Schweiz bezahlt man auch gut und gerne sechs Franken. Da der Franken jedoch das Dreifache des Zlotys ist, bezahlten wir für eine polnische Cola gerade mal zwei Franken! Auch solange man nicht mit der Taximafia durch die Stadt fährt, kommt man sehr günstig für ein paar Zloty von A nach B. Da der Unterschied der Taxis an Hand der Bewilligungspflicht sehr leicht erkennbar ist, wurden wir da nicht abgezockt – man muss einfach wissen, wie vorzugehen ist. Bei unserem Caipirinha in der Szpilka Café Bar am Plac Trzech Krzyzy 18, den wir für gerade mal 20 Zloty tranken, staunten wir nicht schlecht, wenn die Putzmaschinen vorbeifuhren. Einmal trocken gefegt, einmal mit Hochdruck abgespritzt – die Strassen sind trotz der Sommerhitze und der verbundenen Trockenheit sauber. Erwähnenswert ist, dass keine einzige Fliege um unsere Köpfe schwirrte! Die Stadt selber ist eine Mischung aus architektonischem Wundern aus früheren Jahren, wie der 234m hohe Kulturpalast aus Zeiten der Sowjetunion, und neuen Hochhäusern von internationalen Hotelketten. Doch auch von der Bevölkerung waren wir überrascht, denn die Einwohner seien die schönsten vom ganzen Land, wurden wir belehrt und mussten dem beipflichten. Weiter haben wir erfahren, dass die Einheimischen den Ausdruck Warschau gar nicht gerne hören. Dies hängt mit der schweren Vergangenheit zusammen. Darum rät es sich, wenn man die Hauptstadt in der polnischen Landessprache ausspricht, also Warszawa.
Leider - und das gibt es in jeder Stadt - ist hingegen auch die Armut. Vor allem die älteste Generation zeigte mit ihrem Schicksal Präsenz, schleppte sich mühsam mit einem Kaffeebecher in der Hand durch die Strassen, während die Romas sogar im Restaurant aufdringlich nach Geld fragten. Trotzallem – Warszawa hat uns sehr überrascht, diese Vielfalt und verblüffende Einblicke waren einfach nur erfreulich!

Autobahn mitten durch das Stadtzentrum

Warszawa wurde in ganz anderen Dimensionen gebaut, wie es wir hier in der Schweiz kennen. Der Platz scheint auch vorhanden, denn rundum ist alles topfeben. Da gibt es Plätze die sich in der Weite verlieren, jedoch bewusst so sind. Neben dem Sächsischen Park stand vor dem Krieg das Sächsische Palais, als Mahnmal wurde hier nichts mehr neu aufgebaut. Doch auch die Dimensionen der Flaniermeilen, Einkaufszentren, Strassen sind nicht zu vergleichen. Jede Hauptstrasse gleicht der sechsspurigen Autobahn A1, nur dass noch zwei Tramgleise dazukommen. Man darf einfach nicht vergessen, dass die Hauptstadt auch sehr geschichtlich geprägt ist. Die Altstadt, wie auch die meisten anderen Bezirke, mussten von Grund auf neu aufgebaut werden, da diese im 2. Weltkrieg völlig zerstört wurden. Heute erinnern Denkmäler, Gedenkmauern und Museen an die noch nicht lange zurückliegende Zeit. Bewundernswert ist auch das äusserst gut ausgebaute ÖV-System mit topmodernen Bussen, auch wenn noch alte katalysatorlose Ikarus-Busse eingesetzt werden. Jedoch scheint das Ticketsystem ein wenig überholt. Die Billets müssen an den Kiosken gekauft werden, wenn diese jedoch abends geschlossen haben, gibt es die Möglichkeit diese beim Chauffeur zu lösen. Wenn dieser jedoch keine Zeit oder Lust hat, wird der Verkauf schlicht verweigert und man wird zum Schwarzfahrer mutiert. Da die meisten Strassen noch in Zeiten gebaut wurden, wo der Verkehr keine grosse Rolle spielte, kommen zunehmend die Mängel, verursacht durch die Masse an Autos, hervor. Wie bereits einmal erwähnt, gibt es sehr viele Autos, die meisten der oberen Preisklasse. Diese kümmern sich auch nicht, wenn man im Halteverbot steht. Es scheint schon, als dieses Verbot nie da gewesen war.

Über 40 Grad heisses Wetter

Um nochmals auf die Strassenzustände zurück zukommen, hat man schnell bemerkt, dass diese nicht mehr wirklich im besten Zustand sind. Die Regenwasserabläufe sind nicht wie bei uns am Strassenrand, sondern in der Strassenmitte. Durch die Lasten haben sich die Strassen gesenkt und bei Regen sind seeähnliche Pfützen normal. Was für uns ungewöhnlich erscheint, für eine Weltstadt wie Warszawa jedoch normal ist, sind die 24h-Shops. Viele Lebensmittelkleinladen sind rund um die Uhr geöffnet, sowie auch die Wechselstuben, die „Kantor“ genannt werden. Allerdings sind viele Läden bis weit in die Nacht und sogar sonntags geöffnet.
Bei unserem Besuch machte sich das interkontinentale Klima bemerkbar und setze gar noch einen oben drauf. Während drei Tagen war es einfach nur sonnig und heiss, am EuroPride-Samstag stiegen die Temperaturen an die 40 Grad. Dabei hat es seit Wochen nicht mehr geregnet und in der Nacht von Freitag auf Samstag nicht unter 27 Grad abgekühlt, was daraus resultiert, dass die Luft einfach nur noch stickig war. Der „Kälteeinbruch“ am Sonntagabend ging wohl mit Platzregen, jedoch ohne Gewitter vorüber und die Temperaturen gingen auf 25 Grad zurück und wir konnten endlich wieder befreiter schnaufen.

Staatsbankett bei Thomas Stähli

Einer der Höhepunkte unserer Warszawa-Reise war bestimmt der Besuch beim 1. Sekretärs der Schweizer Botschaft. Leider nicht wie geplant in der Botschaft selbst, da diese während den Sommerferien geschlossen ist, sondern bei Thomas Stähli zu Hause. Herzlich wurden wir von ihm und seiner Frau Nadereh Heydarian Stähli empfangen. Sie stellte auch sofort ihre Familie aus dem Iran vor, die über diese Tage bei ihnen auf Besuch war. Eine ganz gemütliche Runde mit Apéro und feinem Buffet mit polnischen und iranischen Spezialitäten führten uns durch den Abend. Diskussionen über Polen, Warszawa und die kommende EuroPride waren sicherlich die Topthemen in dieser Wohnung an der ulica Chocimska 3/3. Uns wurde Hilfe zugesprochen, wenn irgendetwas geschehen sollte – man nahm uns einen Teil der Unsicherheit. Auch bekamen wir dadurch Einblicke in das Leben und Tätigkeiten eines Botschafters. Der ganze Abend war für alle Teilnehmenden bestimmt sehr eindrücklich und wird uns lange in Erinnerung bleiben.

Polen sucht die Unabhängigkeit

Wenn man eine Stadt kennenlernen will, kommt man nicht um die Kommunikation mit den Einheimischen herum. Es ist auch gut so, denn nur so weiss man wirklich Bescheid. Es ist schnell zu merken, dass die Menschen sind, wie sich die Stadt präsentiert. Weltoffen und mit offenen Armen wird man begrüsst. Wohlgemerkt – eine Grundskepsis ist doch irgendwie spürbar, galt sie in Vergangenheit immer wieder als Prellbock zwischen dem Westen (Deutschland) und dem Osten (Russland). Das trägt die ältere Generation noch in sich und ist deswegen manchmal etwas reserviert, eher konservativ eingestellt, dem Realismus hingezogen. Die Jungen hingegen drängen zur totalen Unabhängigkeit. Sie wollen zeigen, dass sie sich zwischen Ost und West behaupten können. Die mittlerweile mehrheitlich englisch gelernte Sprache verdrängt die aus der kommunistischen Zeit bestehende Zweitsprache Russisch. Auch die deutsche Sprache ist nicht mehr präsent. Gut sichtbar sind die Einstufungen zwischen arm und reich. Höchstens geduldet ist die unterste Schicht des Romavolkes, das auf eine frivole Art ständig auf Betteltour ist. Nimmt ein Passant sein Portemonnaie hervor, klammert sich innert Sekunden ein Bub von höchstens vier Jahren an dessen Hosenbein hoch und fordert lautstark nach Geld, während seine Familie aus sicherer Distanz das Geschehen beobachtet. Die Bewohner Warszawas beschweren sich vehement gegen die Romas und fordern die Ausschaffung derer, was auch sämtliche rechtsorientierte Parteien, wie die PiS, fest im Parteiprogramm verankert haben.

Weltwirtschaftskrise ein Fremdwort in Polen

Die ärmste Schicht ist bestehend aus der ältesten Generation. Meist vereinsamt und total verarmt siechen sie sich durch ihr bescheidenes und schicksalsträchtige Leben, indem sie sich einfach nur in der Öffentlichkeit aufhalten und ab und zu von der Bevölkerung etwas Münz erhalten. Viele waren Kinder oder Heranwachsende während dem zweiten Weltkrieg und hatten nie eine richtige Chance ein anständiges Leben zu führen. Es bleibt zu hoffen, dass auf die Fussball Europameisterschaften, die 2012 in der Ukraine und in Polen stattfinden, diese nicht einfach ausgeschlossen werden – im Gegenteil: Der Staat wäre verpflichtet die Alten zu unterstützen und da darf Europa nicht wegschauen! Wenn man bedenkt, dass die Mittelklasse ein verhältnismässig hohes Einkommen erzielt und einen stattlichen Nettobetrag ausgeben kann, kann es auch der Nation Polen nicht schlecht gehen. Und in der Tat. Die Wirtschaft boomt, es wird überall gebaut, renoviert und Instandsetzungen gemacht. Es ist das einzige Land, welches die Wirtschaftskrise 2008 nicht spürte, was es zum Vorreiter von Osteuropa macht. Zum Boom tragen vor allem die Jungen bei, weil sie die Vergangenheit endgültig hinter sich und sich den Unabhängigkeitsstatus aufsetzen lassen wollen. Sie orientieren sich mehrheitlich gen Westen, liebäugeln mit den Lebensmentalitäten der Engländer oder Spanier. Warum orientiert man sich nicht an der Schweiz? „Die Beziehungen sind nicht so gefestigt wie mit den Iberern oder den Briten, obwohl die Schweizer gern gesehene Gäste sind“, erzählt uns ein 20jähriger Student aus Kraków.
Die jungen Polen sind zielstrebig und geniessen einen hohen Bildungsstand. In dem dass sie mehrsprachig aufwachsen, gestaltet sich ihr Leben flexibler. Sie sind die Zukunft des modernen Polens.

Vorreiterstaat der LGBT-Gesetze in den 30er Jahren

Wenn man an einem herkömmlichen Tag durch die Strassen Warszawas flaniert, hat man nicht das Gefühl, dass diverse LGBT- und Menschenrechtsorganisationen hart für die Rechte der Homo- und Bisexuellen kämpfen müssen. In aufmerksamen Momenten sieht man ab und an Hand in Hand spazierende Pärchen die Nowy Swiat begehen. Doch die tiefgründige Realität sieht ein wenig anders aus. Lesben und Schwule haben keinen einfachen Stand, denn sie sind gesetzlich nicht geschützt. Es sind mittlerweile nur noch die katholischen Kirchen und die Rechtsradikalen, die die Popularität der Homophobie verbreiten wollen. Jedoch zeigt eine die vom polnischen Staatsfernsehen TVP1 landesweite Umfrage, dass 89% Bevölkerung eine Gesetzesverankerung und einen Diskriminierungsschutz fordern. Auch soll der legendäre CSD jährlich veranstaltet und den Teilnehmenden den nötigen Schutz gewährleistet werden, solange es ihn braucht. Viele Menschen wissen nicht, dass Polen in den 30er Jahren DER Vorreiterstaat in Sachen Gesetzeslagen gewesen ist. Aber durch die NSDAP, die explizit auch Schwule verfolgte und exekutierte, verkam dieses Gesetz und wurde seither nie wieder eingeführt. Währenddessen übernahm die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges eine ähnliche Gesetzesstruktur, was dazu führte, dass auch viele polnische schwule Flüchtlinge die Schweiz aufgesucht hat.

Homosexuelle üben deshalb ihr Leben sehr diskret aus. Die Angst ist bei vielen immer noch präsent, wegen der sexuellen Neigung verpöhnt zu werden. Die Katholiken stellen die Homosexualität mit Pädophilie, Sodomie und Nekrophilie gleich, weil dies in mittelalterlichen Rechtsbüchern geschrieben stand. Die homophoben Parteien erhofften einen Zuwuchs durch ihre Wahlkämpfe, jedoch zeigt sich immer mehr, wie die polnische Bevölkerung sich öffnen und die Homosexualität vollends akzeptieren will. Vereinzelte Anti-Homo-Gruppen kämpfen verbissen und mit allen (unerlaubten) Mitteln dagegen. So wurde eigens ein homophobisch veranlagter Radiosender auf den Äther gestellt und die „Schwulenhasser“ so richtig auf die Europride ‘heiss‘ gemacht. Es wurden selbst hergestellte Schwulen-Verbotskleber der „Narodowe Odrodzenie Polski“, einer Organisation, die die Homosexualität illegalisieren will, an Wände, Abfallkübeln und Infotafeln anklebt, einige solcher Muster zieren sogar die Trottoirs, die einfach hingesprayt worden sind. Mulmig wird es nur zu Beginn, als wir dieses Emblem auf dem Boden aufglänzen sahen, bis wir feststellten, dass diese Zeichen uns nicht abschrecken können. Und die Einheimischen ebenso wenig.

Europride bringt Schwule und Lesben in ein neues polnisches Zeitalter

Oftmals wurde im Vorfeld davon erzählt, wie gefährlich es sei, die Europride in Polen durchzuführen. Sowohl in Kraków, wie auch in Warszawa hat es bisher immer wieder Zusammenstösse zwischen den friedlichen Teilnehmern und den Rechtsradikalen gegeben. Das Sicherheitsdispositiv war oftmals ungenügend. Die städtische Regierung Warszawas hatte zuerst die Europride nicht durchführen wollen. Erst als die Botschaften von allen europäischen Ländern darüber informiert wurden und diese gemeinsam intervenierten, sagte die Regierung zu. Nicht nur das: Da Polen ja als Vorzeigestaat der osteuropäischen Ländern auftreten will, muss sie auch für sämtliche Teilnehmer die Sicherheit in jeder Situation gewährleistet sein. Es darf zu keinen Übergriffen der Rechtsradikalen kommen. Nur auf diesem Weg konnte man die Europride für die polnische Hauptstadt gewinnen.
An der Europride 2009 in Zürich traten einige Sprecherinnen und Sprecher auf, die Westeuropa aufforderten, auch die Anlässe im Osten zu besuchen und aufgrund der Präsenzmarkierung zu zeigen, wie wichtig es ist, sich auch dort für die Rechte einzusetzen. Gesagt – getan, denn unter den ca. 20000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer befanden sich nebst den Polen selbst nicht weniger als 25 Nationen, darunter auch Mexico, Japan, Australien, Kanada und die USA. Erfreulich ist auch, dass sich die Osteuropäer bemerkbar machen, denn mit Griechenland, Ungarn, Moldawien, Georgien, Ukraine und Russland präsentierten sich gleich sechs Nationen an der Parade. Mitteleuropa, sowie England, Irland, Skandinavien, Spanien und Israel, sowie der nächstjährige Gastgeber Italien. Es lässt sich nur annähernd vermuten, welche Dimensionen die Worldpride 2012 in London annehmen wird.

Die Vorbereitungen der Europride verlaufen zu Beginn etwas harzig, da das Komitee einige Wechsel mit sich bringen musste. Ein paar mussten extra aus Berlin anreisen. Aber der schliesslich erzielte Erfolg belohnte das gesamte Organisationskomitee. Vom 10.-18. Juli 2010 wurde das Kulturgebäude zum PrideHouse an der Nowy Swiat umfunktioniert und galt als Treffpunkt für die Homosexuellen, welches von Tausenden besucht wurde. Lokale und Geschäfte, die gayfriendly sind, wurden mit Regenbogenfahnen bestückt, die gut sichtbar aufgehängt wurden. Und das allergrösste: Die Prideroute führte über die bestfrequentierten Hauptstrassen Warszawas. Diese für etwa eine Stunde zu unterbrechen, gleicht einem Husarenstück. Denn zugleich sind immer am Wochenende einige zur Flaniermeile ausgerichteten Strassen gesperrt für den Verkehr.

Glücklicherweise nur vereinzelte Ausschreitungen der Homophoben

Während sich im Startgelände alles auf dem Umzug vorbereitet, versammelten sich die Gegendemonstranten auf dem Platz des „Unbekannten Soldaten“. Parteien und Organisatoren wie PiS, ONR oder NOP skandierten Schlachtrufe, sangen die Nationalhymne Polens und protestierten so gegen die Europride. Den Westen bezeichnen sie als „Sodoropa“ oder „Eurosomie“, in Anlehnung, dass hierzulande alles Sodomiten seien. Den einzigen gefährlichen Moment hat es im anliegenden Park gegeben, als wir den Weg zwischen den Polizisten und den heran rennenden Rechtsradikalen passierten. Diese pflückten einen sich in unserer Gruppe versteckte Einheimische und prügelten auf ihn ein, bis die Polizei diesem Angriff ein rasches Ende setzte. Ein weiterer brenzliger Moment gab es kurz vor dem Start, als etwa drei Meter neben uns im Startgeläde eine Brandbombe auf dem Asphalt landete. Diese Krawallmacher wurden ebenfalls sofort dingfest gemacht und wie etwa 1000 weitere im Schnellverfahren verhaftet. Stille Protestanten verteilten Bibeln oder sprühten Weihwasser in die Menge, jedoch blieben diese ruhig. Aktive Protestanten mit Verbotstafeln wurden locker von der tobenden und feierenden Menge übertönt, auch die vereinzelten Eier und PET-Flaschen, die geflogen kamen, wurden ignoriert. Trotz 40° Grad heissem Wetter war die Stimmung einmalig und ausgelassen. Der Umzug wird zur „Happy Pride“. Über 40000 Schaulustige verfolgten singend und tanzend das Geschehen, bemerkten die vielen fröhlichen Gesichter, während die Polizei alles erfolgreich abschirmte.

Die Europride wurde zu einem riesigen Erfolg. Ein Fahnenmeer mit unzähligen Farben schmückte die ganze Stadt. Etliche TV-Stationen übertrugen die Parade live, nicht zuletzt auch, weil viele Promiente, wie Volker Beck (Grünes Bündnis/DE), Nikolai Alexejew (CSD Moskau), Boy George oder auch die Orden der Schwestern der perpeduellen Indulgenz. Dieser Erfolg ist immens, denn er wurde auf die Bevölkerung übertragen, die fast geschlossen zur Homosexualität steht, wie 1933.

Warszawa eine Reise wert

Es ist eigentlich unserem inneren Schweinehund zu verdanken, dass wir den Trip nach Warszawa durchgezogen hatten. Bedenken, Vorurteile, komische Reaktionen der Bekannten, weil Polen nicht zu den Favoriten für Reisedestinationen zählt, ein wenig Angst vor dem Ungewissen, brachten uns immer wieder ein bisschen in Verlegenheit. Aber wir wurden des Besseren belehrt und es hat sich in jedem Fall gelohnt. Wir erlebten traumhafte fünf Tage in dieser Metropole und erlebten eindrückliche Momente. Architektonische Meisterwerke zieren Warszawa, die Kultur lädt zur Ansicht ein, Dinge, die man erst erfährt, wenn man es vor Ort besichtigt hat. Kulinarische Höhepunkte durften wir geniessen, polnische Eigenarten kennenlernen und eine weltoffene Bevölkerung, die sich immer mehr öffnet und weiter entwickelt. Das Preis-/Leistungsverhältnis für uns Schweizer war traumhaft. Warszawa ist für alle zu empfehlen.

LGBTIQ* = Lesbian, Gay, Bi, Transgender, Intergeschlechtliche, Queere und weitere Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen

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