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Erlebnisbericht Europride Roma 2011

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Wenn Lesben & Schwule in der Römerzeit & Vatikan schnuppern – Der grosse Bericht aus Rom

Bericht von Michael Läubli

Dass Informationen über die „Ewige Stadt“ einfacher zu bekommen sind, als für Warszawa vor einem Jahr, war von Anfang an klar. Dieses Mal waren wir nicht Reisepioniere des Westens sondern einfach acht Städtereiseinteressierte, die entweder noch nie oder schon lange nicht mehr in der Hauptstadt Italiens waren. Das Durchblättern des Reiseführers zeigte viel Sehenswertes, wie auch alle berühmten Bauwerke oder Plätze, die man als Tourist einfach gesehen haben muss. So wurde in der Vorbereitung rasch eine „must to see“ – Liste entwickelt, die von Mal zu Mal länger wurde. Piazza di Spagna, Vatikan, Kolosseum waren ja bloss der Anfang.

Doch nicht nur die Spuren der alte Römer werden ein Bild von „bella Italia’s“ Hauptstadt sein, sondern auch belebte Strassen bis weit in die Nacht, Gelati’s an jeder Ecke (und diese waren ebenfalls auf der Liste als „must to see“ aufgeführt), Märkte und die Trinkwasserbrunnen an vielen Orten. Die Vorfreude auf diese Stadt stieg von Minute zu Minute.

Im Hinterkopf waren aber auch Unsicherheiten. Wie hatten wir letztes Jahr vor Warschau beinahe schon Angst vor der Kriminalität und sprachen anschliessend darüber, dass vermutlich Rom schlimmer sein könnte. Oftmals wird diese Metropole als einer der unsichersten Städte Europas dargestellt. Taschendiebstahl, wie auch bettelnde Roma-Kinder gehören zur Tagesordnung. Man soll in der vollen Metro auf seine Wertsachen aufpassen. Doch auch hier wurden wir des Besseren belehrt.

Schnell wurde klar – Rom ist eine Stadt die man gesehen haben muss. Auch als Nichtgläubiger muss man den Petersplatz besucht und die Energien des Vatikans gespürt haben.

Am Anfang war es der Leonardo-Express

Nach gerade 90min Flugzeit landete die Gruppe von Queerdom am Flughafen-Fiumicino und nahmen ihre Koffer (-ein Schloss) nach der kreisenden Schäferhunde-Drogenkontrolle entgegen. Der Weg führte uns weiter in die zweigleisige Bahnhofshalle des Leonardo-Express, die mich irgendwie an ein Casino erinnerte. Verschiedene Billetautomaten wie auch Kioske die mit Billetverkauf für den schnellen Ohne-Halt-Zug nach Rom Termini warben. Die anschliessende halbstündige Zugfahrt vom am Meer gelegenen Flughafen in die Hauptstadt, führte uns durch die Weiten von Wiesen und Landwirtschaft, durch die Vororte und den ersten antiken Mauern vorbei. Angekommen am Hauptbahnhof Termini mussten wir unsere Koffer auf halsbrecherische Art aus dem Zug hieven und dann gefühlte 10km durch den Ober- und Untergrund des Bahnhofs zum treppenreichen Metro-Bahnhof marschieren. Wenigstens war an den Billetautomaten die Option Deutsch möglich. Völlig verschwitzt und zum ersten Mal entkräftet stopften wir uns in die Metro, die auf ihren Mini-TVs im Innern mit einem Gladiatoren-Trickfilm für die Europride warben. Von der Station „Piazza Spagna“ ging es mit den schweren Koffern durch die mit Touristen übersäten Strassen der teuren Einkaufsmeile zu unserem Hotel. Rom wir sind da!

Touristen, touristisch, Rom

Schnell wurde klar, dass die italienische Hauptstadt eine Reisedestination vieler ist. Vor allem über ein verlängertes Pfingstwochenende. Gläubige, Lesben & Schwule wie auch weitere Städtereisende machten diese Stadt einfach nur voll. Gut haben die Römer früher bereits daran gedacht, vieles gross zu bauen. Kleine wie auch grosse Plätze, etliche Seitengässchen und riesige Gebäude aus der Antike machen diese Stadt auch interessant und verteilen die Anzahl der Besucher. Doch man läuft auch oft über abgeschossene Pflastersteine und heissen Asphalt. Ein willkommener Gruss waren häufig verbreitete Trinkwasserbrunnen, um die sich oftmals lange Schlangen für das Auffüllen der Wasserflaschen bildeten. Um nun alle Sehenswürdigkeiten, die wir besucht haben, hier zu notieren würde den Rahmen völlig sprengen. Doch nicht unkommentiert möchte ich die Sichtung von Italiens Staatschef Berlusconi machen. Ein grosses Sicherheitsaufgebot für solch einen kleinen Mann, der hinter verschlossenen Gittern im Innenhof seines Arbeitsgebäudes aufhielt, war ein Erlebnis. Oder der schweizerdeutsch sprechende Priester aus Einsiedeln, der uns auf der Strasse anquatsche und schlussendlich viel Spass an der Europride wünschte, sind Ausschnitte aus unvergesslichen Tagen in dieser Stadt. Unvergesslich werden uns auch die „Klatsch-das-Gummiding-auf-die-Platten-Verkäufer“ oder die „Pfeif-wie-ein-Vogel-Verkäufer“ bleiben, wie auch die massenweise Louis Vuitton Taschen am Strassenrand oder die schnuckeligen Priester-Kalender an den Marktständen. Ein oftmals gesehenes Strassenbild waren die ärmlichen, bettelnden, in schwarze Tücher gehüllten Roma-Greisinnen. Jedoch blieben uns die bettelnden Roma-Kinder wie auch andere klauende Tatsachen fern. Rom darf sich eine saubere, sichere Stadt nennen, die mit und für Touristen lebt.

Vorsommerhitze und laue Abende

Petrus lies uns auch in Rom nicht im Stich. So konnten wir immer Temperaturen über der Sommermarke und angenehm warme Abende in den Gassen geniessen. Ein kurzer Regensprutz am Morgen des Europride-Umzuges liess den Tag angenehm werden. Erstaunlich ist, dass die Tageshöchswerte nicht wie bei uns gegen Abend sondern am frühen Nachmittag gemessen werden. Das Wetter setzte einfach den i-Punkt auf unsere Tage.

Staatsbankett bei Mauro Romano Reina und seinem Lebensgefährten

Ein weiterer Höhepunkte unserer Rom-Reise war bestimmt der Besuch beim Schweizer Botschaftsminister Mauro Romano Reina und seinem Lebensgefährten Guilherme Souza Pinto Leonardo in seiner Wohnung mit zwei Dachterrassen in einem gehobeneren Stadtteil. Nebst verschiedenen Aperogetränken wurden wir mit diversen Apero-, Hauptgericht- & Desserthäppchen verköstigt. Bei den Gästen waren nebst der Schweizer Delegation auch Vertreter von italienischen LGBT-Organisationen und Politiker. Wie auch eine bekannte lesbische Parlamentsvertreterin. Leider führte die Sprachbarriere zu einer gewissen Separatierung der Gäste, dies liess jedoch der Stimmung keinen Abbruch und anstandshalber, aber mit Widerwillen, verliessen wir die prunkvolle Wohnung um Mitternacht und liessen uns vom Taxi zum Hotel chauffieren.

Hundertausende LGBT’s & Friends mit Lady Gaga-Hype

Dass wir am Morgen vor der Europride den Vatikan besuchten, mag ein wenig zum Schmunzeln anregen. So liessen wir uns von dem gewaltigen Gebäude in den Bann ziehen, spürten Emotionen von den tausenden Besuchern auf dem Petersplatz und besuchten die Sonderausstellung des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. und hinterliessen unsere Zeilen im Gästebuch. Anschliessend gingen wir im Hotel unsere Beine strecken, bevor wir um 16:00 Uhr beim Treffpunkt mit weiteren Schweizern beim Bahnhof Termini abgemacht hatten. Der Weg dahin war dank des „No-Pride, No-Gaga“-Menschen kurzweilig und interessant. So zählte er unteranderem, auf welche Götter auch schwul gewesen waren und unterhielt die ganze Metro damit.

Beim Eintreffen am Bahnhof war die Menschenmasse zu den Plätzen hin bereits gewaltig und vermutlich deshalb setzte der Demonstrationszug schon früher los, als ursprünglich angegeben. Von einem übermässigen Polizeiaufgebot war nichts zu spüren. Hin und wieder konnte man einen Kastenwagen in den Seitenstrassen ausmachen, doch auch von gewaltsamen Gegnern, wie auch mit Rosenkranzbewaffneten Gläubigen war überhaupt nichts zu sehen und hören. Ein friedlicher, bunter Zug ging durch die römischen Strassen um das Kolosseum vorbei zum riesigen Circus Massimo Gelände. Schnell ging es durch die Massen, dass bis zu einer Million Menschen unterwegs wären, es schien ein nicht zu endender Menschenstrom zu sein. Ob der erwartete Superstar Lady Gaga ein Grund für die Massen war, möchte ich nicht ganz bestreiten. Jedoch ist Italien eines der letzten europäischen Länder, die kein Partnerschaftsgesetz oder Diskriminierungsschutz kennen. Da scheint Polen gesetzlich fortschrittlicher zu sein und so verwundert es einem auch nicht, dass hier noch die Massen bewegt werden können.

Obwohl die römischen Organisatoren einen beschaulichen PridePark im Zentrum hinzauberten, zeigte das Gelände beim Schluss der Parade ein trauriges Bild. Eine grosse Bühne, keine Verpflegungsstände (ausser ein Haufen Gratis-Wasserflaschen)  und wie erwähnt gegen eine Million Menschen die auf Lady Gaga warteten. So entschlossen wir uns ein wenig abseits ein Restaurant zu suchen und fanden im Stadtteil Ostiense auch ein kleines Restaurant mit feinem Essen. Gestärkt und mit vollen Bäuchen ging wir zum Circus Massimo zurück und über 2h nach Paradeende ging auf der Bühne etwas und Lady Gaga erschien. Sie hielt eine 15min Rede, sang zwei Lieder darunter ihr LGBT-Lied „born this way“ und der Spuk war vorbei.

tolles, anstrengendes Wochenende

Nach den unzähligen zurückgelegten Kilometern und müden/schweren Beinen ging ein tolles, verlängertes Wochenende vorbei. Ein 3Stern-Hotel im Zentrum, das uns für diese Zeit genügte, wobei der Kaffee Pluspunkte und das Brot Minuspunkte bescherten. Rundum zufriedene Gesichter haben es unvergesslich gemacht.  Wer noch nie da war – muss nach Rom gehen! Für mich ein weiterer Reisetipp!

LGBTIQ* = Lesbian, Gay, Bi, Transgender, Intergeschlechtliche, Queere und weitere Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen

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